Havanna entdecken

Kuba? Warum nicht? Wir haben schon vor unserer Reise mit Fiona und Eileen abgemacht, dass wir uns in der Hälfte unserer Reisezeit, in den Weihnachtsferien, für zwei Wochen treffen. Das war eine sehr gute Entscheidung, denn die Sehnsucht nach den beiden hat sich so in Grenzen gehalten. Schon im Herbst haben wir uns damit getröstet, dass es nicht mehr lange dauern würde bis Weihnachten. Es war gut, dass wir wenige Destinationen angesteuert haben, denn es ging vor allem darum, in aller Ruhe viel Zeit miteinander zu verbringen.

Wir haben von einem Freund aus dem Hort Weinberg einen wertvollen Tipp bekommen. „Geht unbedingt zu Ela und Roby, sie haben ein schönes Casa particular, eine Art Bed and Breakfast, im Zentrum von Havanna.“ Ela, die lange in Zürich lebte, hat sich in ihren Ferien in Havanna vor ein paar Jahren in Roby, ihren Salsalehrer, verliebt. Sie haben sich entschieden zusammenzuziehen und ein schönes Casa particular aufzubauen. Das ist ihnen gelungen, sie haben eine grosszügige Wohnung mit einer riesigen Terrasse gekauft und zwei Gästezimmer mit typischen Holzmöbeln und bequemen Betten eingerichtet.

Ela hat uns sehr gut beraten und die Kubareise nach unserem Gusto zusammengestellt. Dazu gehörte sogar die Reservation der Casas und die Organisation der Taxifahrten. Sie war sehr engagiert.

Von den ungefähr elf Millionen Bewohnern der Insel leben zwei Millionen in der pulsierenden Hauptstadt der sozialistischen Republik. Wir streifen durch die Strassen im Zentrum und in der Ciudad vieja von Havanna, den Blick hoch zu den einst wunderbar prächtigen Häusern gerichtet. Immer wieder bleiben wir stehen, staunen über die Architektur, lassen uns treiben und fühlen uns in die Vergangenheit des vorletzten Jahrhunderts versetzt. Die Häuser strahlen eine Grosszügigkeit aus, jede Etage ist über vier Meter hoch, passend dazu die riesigen Fensterbögen und die weiten Eingangstore im Erdgeschoss. Die Balkone sind eher klein gehalten, denn es ist auch zu heiss, um sich draussen aufzuhalten. Man lässt die Wäsche auf dem Balkon trocknen, stellt ein paar hübsche Pflanzentöpfe darauf oder nutzt den Platz für das Kühlgerät der Klimaanlage.

Das Leben spielt sich hier auf den Strassen ab. Tagsüber sitzen viele Einwohner vor ihren Häusern, auf dem Stufentritt der Eingangstüre oder auf einem Stuhl, reden mit den Nachbarn oder schauen dem Treiben zu. Man spielt hier auf den Gassen Domino, repariert oder wäscht das Auto und bringt den Hund an die frische Luft. Auf einfachen Anhängern, die von Hand gestossen werden, bieten die Verkäufer und Verkäuferinnen Obst und Gemüse an. Auch Trinkwasser, Gas, Besen und Putzzeug kann man kaufen. Man kriegt alles auf der Strasse auch folgendes findet man hier: In einer Gasse ruft ein junger Taxifahrer Fiona und Eileen zu: „Taxi, Taxi, Taxi?“ – „No, gracias!“, antworten sie. Darauf ruft er: „Boyfriend, Boyfriend, Boyfriend?“

Und was sehr auffällig ist: An jeder Ecke dröhnt laute Musik aus riesigen Musikboxen auf die Strasse, egal zu welcher Zeit, morgens, mittags, abends und je nach dem auch die ganze Nacht hindurch. Von der kubanischen Salsamusik kriegen wir nie genug zu hören. Weniger gross ist unsere Freude, wenn wir von Reggaeton beschallt werden.

Sehr erfrischend ist es am Malecon zu spazieren, wo man geschickt den Wellen ausweichen muss, die bei viel Wind über die Brüstung auf die Strasse schwappen. Wir bewundern die Oldtimer, die im Minutentakt an uns vorbeisausen. Es ist einfach hier, in Havanna, ein paar tolle Fotos zu schiessen.

Es gäbe viel zu sehen in der Hauptstadt Kubas, zwei Tabakfabriken, ein neu renovierter El Capitolio, das im Jahre 1926 als Kongresszentrum gebaut wurde und seit der Revolution im 1959 langsam verfiel. Erst 2013 hat man langsam mit der Renovation begonnen und mittlerweile tagt die Nationalversammlung darin. Die mächtige Kuppel aus Plattgold leuchtet in alle Himmelsrichtungen. Es gäbe einige Kirchen, paar Museen, einen riesigen Park und schöne Plätze in der Altstadt. Man könnte auch an einem Strand in der Nähe baden gehen.

Wir nehmen es aber sehr gemütlich, geniessen das reichhaltige Frühstück bei Ela und Roby und gehen erst am späten Morgen aus dem Haus. Wir schauen uns das verstaubte Museo de la Revolución, dessen Ausstellung aus den 60er Jahren sein muss, an. Rückblickend würden wir dies niemandem empfehlen, denn es ist chaotisch, die Vitrinen zeigen ein paar Kleidungsstücke von den Helden der Revolution, ein paar vergilbte Fotos und Tagebucheinträge, die man nicht mehr entziffern kann. Am gleichen Tag spazieren wir im Museo Nacional de Bellas Artes herum, wo Kunst von der Zeit der Kolonialisierung bis in die Gegenwart ausgestellt wird und lassen uns durch die Bilder zu Gesprächen inspirieren. Leider ist die Fabrica de Arte Cubano (vergleichbar mit der roten Fabrik) den ganzen Januar nicht in Betrieb, alle Kirchen in der Altstadt sind wegen den Weihnachtstagen geschlossen und es scheint kompliziert zu sein, Tickets für El Capitolio zu bekommen, denn der Schalter war geschlossen, obwohl wir zur Öffnungszeit da waren.

Abends gehen wir um die Ecke fein essen. Ela gibt uns drei wunderbare Orte an, an denen man sich gleich wie zu Hause fühlt, was sehr angenehm ist, nach einem anstrengenden Tag in dieser Grossstadt. Das neue Restaurant Michifu, mit französisch-kubanischem Essen und feinen Mojito mit Maracuja versprüht eine gemütliche Atmosphäre. Auch das von Schweden geführte Casa Miglis bietet ein hübsches nordisches Ambiente und eine kleine Auswahl frischer Speisen. Ein absolutes Muss ist ein Drink in der Bar auf der Terrasse vom La Guarida. Das Haus La Guarida muss eine schicke Vergangenheit gehabt haben. Die Treppen sind aus Marmor, die Räume über sechs Meter hoch, die Säulen sind verziert. Man steigt hoch, durch das mittlerweile heruntergekommene Treppenhaus und oben angekommen eröffnet sich eine neue Welt. Eine topmoderne Terrasse lädt zum Essen ein und ein Stock höher gibt es eine Bar, die in der Dunkelheit der Nacht einen interessanten, ungewohnten Ausblick bietet. Die Stadt ist von hier oben fast komplett dunkel. Nur durch ein paar wenige Fenster dringt schwaches Licht, es fehlen die Leuchtreklamen sowie die beleuchteten Sehenswürdigkeiten.

Ein Highlight bei Ela und Roby ist das Familienfest am 25. Dezember auf der Terrasse ihres Casas, zu dem wir auch eingeladen sind. Roby treibt ein Spanferkel auf und baut mit einem Freund zusammen einen Grill aus alten Baumaterialen zusammen. Gegen den frühen Abend treffen die Familie, Freunde und Freundinnen ein und bringen etwas Leckeres zum Essen mit.

Wir haben die Gelegenheit ein paar Leute kennenzulernen. Leider können wir nicht allzu viel verstehen, denn die spanischen Wörter werden hier nochmals ganz anders ausgesprochen. Sie verschlucken die Endungen und lassen das S oft weg. Da haben wir fast keine Chance einem Gespräch zu folgen.

Die Eltern von Roby wohnen sehr einfach, schlafen auf dünnen Matten am Boden, wie mir Ela später erzählt. Sie haben sich eine uralte Glacémaschine gekauft, mit der sie nun selber Eis herstellen und so über die Runden kommen. Roby macht für sie die Waffeln für die Cornets, die er ihnen fast täglich frisch liefert. Die Schwester von Roby, die etwas Englisch kann, erklärt mir, dass sie einen langen Schulweg hat und darum mit dem Schulbus fährt, aber oft gezwungenermassen zu Fuss gehen muss, weil der Bus kein Benzin tanken konnte. Sie beklagt auch, dass es nicht möglich sei im Ausland zu studieren. Sie lernt unter anderem auch Chinesisch und möchte gerne nach China reisen. Als ich ihr sagte, dass es Zeit wäre für eine neue Revolution sei, erschrickt sie. „Nein, nein, keine Revolution, vielleicht eine Reformation.“ Ela erzählt uns, dass die Menschen sich nicht negativ zur Regierung äussern. Sie wissen nie, ob jemand zuhört und sie dann verpetzen würde.

Ein Freund von Ela und Roby, Del, ein Flüchtling aus dem Iran, war auch am Fest und erzählte uns seine Geschichte. Weil er zum Christentum übergetreten ist, hat ihn seine Frau verraten, worauf er flüchten musste. Er hat ursprünglich IT studiert aber darf nicht arbeiten. Zum Glück hat er sich einen Namen als Fotograph machen können und bekommt ab und zu ein paar Auftragsarbeiten von Freunden. Sein Pass ist mittlerweile abgelaufen, aber er hat Angst, sich bei der iranischen Botschaft zu melden. Denn es könnte sein, dass man ihn wieder zurückschickt, so nimmt er in Kauf, nicht mehr aus dem Land ausreisen zu können.

So schwer das Leben hier auch ist, die Kubaner und Kubanerinnen wissen auf alle Fälle, wie man feiert. Es war ein so fröhliches Fest mit viel Ron (Rum), Bier, Musik, Salsa und sehr feinem Essen.

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